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Gestatten mein Name ist "M@xx", und dieser Tage traf
ich Mayo Velvo zu einem Interview. Meinen Vorschlag, uns doch an
diesem wunderbaren Frühlingsmorgen in einem netten Kö-Café
zu treffen, lehnte der Sänger ab und lud mich stattdessen in
seine neue Wohnung am Ende der Königsallee zu Düsseldorf
ein.
So erklomm ich die vier Etagen, ohne Aufzug! Die Mühe hatte
sich gelohnt, denn ich wurde freundlich zum runden Tisch im sonnendurchfluteten
Wohnzimmer geführt, auf dem schon ein herrlich duftender Kaffe,
nebst österlicher Panetone, auf mich wartete.
Ich ließ meinen Blick schweifen und war umgeben von Regalen
mit CDs, Büchern, Videos - und einigen Umzugskartons. Die,
so wurde mir erklärt, wären der Rest von rund 150 Kartonagen,
die Herr Velvo anfang diesen Jahres zu bewegen hatte. Aber darüber
wolle er jetzt nicht unnötig berrichten, denn dieser Umzug,
der ihn eigentlich nach Köln führen sollte, hätte
ihn doch ganz schön geschafft.
M(@xx): "Warum jetzt Kö' statt Köln?"
V(elvo): "Die Mietpreise! Düsseldorf ist sicher
auch nicht preiswert, aber in Köln sind die Preise reichlich
absurd. Zumindest in den Wohngebieten, die eine gewisse Lebensattraktivität
bieten, und ich finde, Köln bietet da schon etwas mehr Struktur,
gerade für kreative Leute."
M: "Arbeitet es sich in Köln leichter für
Künstler?"
V: "Klar, denn in Köln gibt es ähnlich wie
in Hamburg oder Berlin eine herrlich schillernde Kleinkunstszene,
die seit vielen Jahren stark von der schwul-lesbischen Szene geprägt
ist.
So etwas fehlt hier in Düsseldorf ja fast gänzlich. Das
macht es mir hier auch wesentlich schwerer konsequent Fuß
zu fassen. In Düsseldorf spiele ich vielleicht 3-4 Konzerte
im Jahr ..."
M: "... der Prophet im eigen Lande, wie?"
V: "Ach, es ist ja nicht so, dass ich hier kein Auditorium
hätte, im Gegenteil! Nur die lokalen Bühnen importieren
lieber und vergessen dabei Künstlern meines Faches, ein Forum
zu geben, in dem sie sich regelmäßig vorstellen können.
So wie zum Beispiel früher in Berlin, als in der "Bar
Jeder Vernunft" mehrmals in der Woche, im so genannten "Nachtcafé",
sich neue Chansoninterpreten etablieren konnten. Tim Fischer, Cora
Frost oder Meret Becker haben sich dort nach und nach ihr Publikum
ersungen!"
M: "Gab es für Dich nie die Möglichkeit,
dort auch zu singen?"
V: "Mitte der 90er gab es für einen kurzen Moment
die Überlegung dort auch zu gastiern.
Aber einerseits waren die Gagen für diese "Talentnächte"
ziemlich niedrig, und andererseits waren die Veranstalter selbst
gerade in einer Art "Tim-Fischer-Fieber" und ich war ihnen
nicht "verrucht" genug! Was für ein Argument! Hut
ab, da sprach ein Kenner!"
Velvo schmunzelt mit leicht ironischem Blitzen in den Augen, während
er herzhaft zupackend mir ein Stück Schokoladen-Panetone auf
meinen Kuchenteller packt.
V: "Siehst Du, das Problem hier in Deutschland ist,
dass es scheinbar nur eine Sichtweise für das Fach Chanson
gibt. Nämlich jene, die der Tradition von Edith Piaf oder
vielleicht noch Jacques Brel folgt. Das ganze dann noch beladen
mit dem eben schon erwähnten "verruchten Image" und
dazu noch klebrig, maniriertem Gesinge! In Frankreich hingegen da
sind die Grenzen fließend, Chanson mit Jazz, Chanson mit Pop,
sogar Chanson mit Rap-Einflüssen! Da lebt das Chanson - hier
in Deutschland dagegen, bevorzugt das größere Publikum,
meist nur die "mumifizierte" Version, so, dass "Chanson"
oft einer Karikatur gleichkommt!"
M: "Welche Vorbilder haben Dich denn beeinflusst?"
V: "Meine ersten große Vorbilder waren nun mal
keine klassischen "Chanson-Interpreten" in dem Sinne.
Als Jugendlicher in den 70er Jahren war ich stark beeindruckt von
David Bowie. Er hat sich, zumindest bis Anfang der 80er, stets weiterentwickelt,
seine Stile verändert und sich und sein Oeuvre immer neuen
Impulsen ausgesetzt - aber vor allem war ein großartiger Live-Entertainer!
Und dann war da immer Joni Mitchell, die nun wahrlich eine Song-Poetin
ist und seit Ende der 60er Jahre sich vom Folk über Pop bis
zum Jazz entwickelt hat. Anders als Bowie, ist sie eher eine introvertierte
Künstlerin, die aber sehr viel Humor beweist, wie man bei Konzerten
erleben kann. Eine herrlich Symbiose aus beiden war für mich
in den 80ern niemand anders als Prince. Er konnte laut und schrill
sein, aber er schaffte es auch ganz allein am Klavier eine Intimität
herzustellen, die atemberaubend war!"
Noch bevor ich fragen kann, was das denn nun mit einem "Chansonnier"
zu tun hat, greift Velvo hinter mich ins Plattenregal und zieht
eine Doppel-LP von Yves Montand heraus.
V: "Siehst Du hier dieses Live-Album von Yves Montand,
aufgenommen 1981 im Pariser "Olympia"!?
Entertainment pur - aber ohne maniriertem Firlefanz! Chansons interpretiert
mit intensivem Esprit, egal ob Ballade oder Comedy!"
Noch bevor ich mich versehe, hat Velvo schon eine Kostprobe auf
den Plattenteller gelegt. Ein Chanson namens "Le Mirettes"
(Die Äuglein) erklingt, ein bisschen Jazz gepaart mit Musette-Akkordeon,
und ich beginne zu ahnen, was Velvo meint.
V: "Es ist doch phantastisch, man kann das Schmunzeln
Montands förmlich "hören"! Yves Montand war
einer der glanzvollsten "Interpreten", und, um meinen
kleinen Exkurs hier abzuschließen, als "Interpret"
verstehe ich mich auch selbst in erster Linie - egal ob mit Chanson,
deutscher Tonfilmschlager oder Popsong. Nur als "Interpret"
bekommst Du keine Auftritte, da muss halt ein verkäuflicher
Begriff wie "Chansonnier" her. Nicht, dass ich mich unwohl
damit fühle, aber das (deutsche) Publikum reagiert gelegentlich
irritiert, wenn wir ein traditionellles Chanson mit einem modernerem
Lied kontrastieren. Am Ende allerdings, erhalten wir dann aber genau
dafür das meiste Lob!"
M: "Hast Du denn schon mal im Ausland gesungen?"
V: "Ja, vor zwei Jahren hatten Thomas (Möller),
mein Pianist, und ich das Glück, eine kleine Soirée
bei einem Freund von mir, Arnaud, in Paris zu geben. Arnaud wohnt
mitten im Marais und das Publikum war sehr illuster, sogar eine
Busenfreundin von Rostropovitsch war zugegen.
Das Programm hieß "Berlin, Paris, New York" und
wir sangen von Knef über Trenet und Cole Porter eine herrliche
Mischung von Songs, Liedern und Schlagern. Das der Abend ein großer
Erfolg war und dringend nach einer Wiederholung ruft, brauche ich
ja nicht zu erwähnen!"
Tja, und da ist es wieder, dieses schelmische Funkeln in Velvos
Augen, das auch seinen Auftritten eben jenes gewisse "Extra"
verleiht.
Wer Mayo Velvos Programme kennt, ob nun mit "musikalischen
Liebeserklärungen", französischen Chansons oder mit
Songs von Cole Porter, wird wissen, dass es nie langweilig wird.
Velvos (deutsche) Interpretation von Trenets "Boum", gepaart
mit französischem Rap, bleibt jedem unvergessen. Kraftvoll
und sensibel zugleich. Glanzvolles Entertainment eben - und darum
geht es ja schließlich auch.
Merci, Monsieur Velvo, et à la prochaine!
M@xx
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